Der Fall der L.

Als ich am Freitagabend die Küche betrat, fragte mich mein Sohn um Rat: 'Eine ehemalige Mitschülerin habe Probleme daheim. Sie sei völlig verzweifelt. Was er ihr jetzt raten solle...?!'
Wir sprachen kurz über sie: Sie ist 17 Jahre alt, so wie er. Sie lebt zusammen mit Mutter und Stiefvater in der Nähe der Oberschule. Sie hat noch zwei jüngere Geschwister. Die Eltern sagen ihr andauernd, 'sie würde die ganze Familie zerstören!' Außerdem hatte ihre Mutter  einen ganzen Eimer Wasser übers Bett von L. gekippt, so dass Bettzeug und Matratze nun pitschnass sind...

Hier merke ich das erste Mal auf... (Was für ein kindisches Verhalten der Mutter. Überfordert auch - ja.)
Ich bitte meinen Sohn, Kontakt zwischen L. und mir herzustellen. 
Im Laufe des Abends schreiben wir uns immer wieder hin und her. Mein Verdacht bestätigt sich nach und nach. Es handelt sich eben nicht um einen banalen Streit, wie er zwischen Eltern und Teenies immer mal wieder entsteht und auch mal ordentlich hochkochen kann. Insgesamt skizziert sich die Lage für mich so, dass L. offenbar immer für das Tun der jüngeren Geschwister verantwortlich ist. Oft nimmt sie diese Rolle auch aktiv an, um sich schützend vor die Jüngeren zu stellen. (der Mittlere habe zB ihre Tür demoliert und sie hat es auf sich genommen, damit er keinen Ärger bekommt) Sie ist sozusagen das schwarze Schaf in der Familie. Die Eltern geben ihr immer wieder aktiv die Schuld an allem und natürlich nimmt sie sich das auch an und glaubt daran.
Im Austausch über das Handy versuche ich ihr nun immer wieder klar zu machen, dass sie nicht schuld ist, sondern allerhöchstens durch Provokation zur Eskalation der Lage beigetragen hat. Das zum Streiten immer min. zwei gehören, versuche ich damit zu entkräften, dass dies nicht oder nur sehr bedingt gilt, wenn zwischen den beiden Streitparteien ein Machtgefälle und Abhängigkeit besteht, wie dass nun üblicher Weise zwischen Eltern und Kindern ist. Zwischendurch kommt eine extrem belastete Sprachnachricht von ihr herein - sie weint, sie flüstert nur, damit sie ihr Handy nicht weggenommen bekommt... Es erinnert mich an ein verängstigtes Opfer einer Attacke, welches sich versteckt hat und versucht, die Polizei zu benachrichtigen!!! Kurz denken wir tatsächlich über solch eine Möglichkeit nach. L. entgegnet: "Aber sie schlagen mich doch nicht einmal! Das ist doch dann keine Notlage..."

Ist es das nicht?!? Ich erkläre ihr, dass auch psychische Gewalt letztenendes nur Gewalt ist und das es genauso Narben auf der Seele hinterlässt, wenn auch keine sichtbaren in Form von blauen Flecken oder blutenden Wunden. Ich spüre ihre Not und mein Puls rast im Takt mit ihrem dahin. Zwischendrin spiele ich verschiedene Gedanken durch. Sie abzuholen und mit zu uns zu nehmen fällt aus, da sie nicht volljährig ist. Vermutlich wäre es auch wenig zielführend, da ich für solche Aktionen auch gar nicht stabil genug bin. Dennoch ziehe ich es kurz und ernsthaft in Erwägung. Ich suche L. verschiedene Kontakte heraus, wo sie mit geschulten Leuten telefonieren oder chatten könnte. Vielleicht nicht heute, am Freitag - aber morgen evt.
Es sind auch Kontakte dabei, wo sie sich ab Montag hinwenden und um Beratung bitten könnte...

Einstweilen versuche ich L. zu beruhigen, damit sie etwas durchatmen kann. Sende ihr die geführte Aufmerksamkeitsübung "Der Innere Garten" von M. Huber. Sie ist froh darüber; probiert es aus und kann zur Ruhe kommen. Die recht unbequeme Nacht verbringt sie auf der Übungsmatte ihrer kleinen Schwester - ihr Bett ist ja nass. L. und ich überlegen nochmal, wen sie am Montag ansprechen könnte. Ein Einwand von ihr macht mich besonders wachsam: "Was soll ich denen denn erzählen? So oft vergesse ich gleich wieder, was mir meine Eltern an den Kopf geworfen haben!" Das ist keine Vergesslichkeit! - Das ist Dissoziation! Sie macht sich tatsächlich Gedanken darüber, besonders vergesslich zu sein und findet offenbar selbst, dass dieses Ausmaß bedenklich ist. Ich erkläre ihr, dass es eine Schutzfunktion ihres Nervensystems ist. Diese Erläuterung beruhigt sie. Mir sagt es weiterhin, dass ihr Alarmsystem schon seit längerer Zeit im Überlebensmodus läuft... (Auf Nachfrage bestätigte sie mir, dass der grundlegende Zusand daheim schon 1 - 2 Jahre so geht. Oha!)

Am Sonntag schließlich schreiben wir uns kaum noch hin und her. Auf Nachfrage schreibt sie, dass sich die Lage daheim wieder beruhigt habe. Ich mache mir weiter Sorgen.
Am Montagabend schreibt sie mir (wieder auf meine Nachfrage hin), dass sie nun doch nicht mit dem Vertrauenslehrer im BSZ gesprochen hat. ...ich dachte es mir schon. Sie lernt dort erst seit ein paar Wochen - von VERTRAUEN kann da noch keine Rede sein. Traurig stimmt mich, dass nun die Verdrängung bei ihr endgültig übernimmt. Einfach, weil ich diesen Mechanismus sehr gut kenne. Und ich weiß auch, dass es noch ganz viele Momente, wie diesen Freitagabend in ihrem Leben geben wird und auch noch viele Montage, an denen scheinbar alles wieder gut ist und sie es schafft, alles beiseite zu schieben.

Ja, eine Möglichkeit wäre, anonym das Jugendamt zu verständigen! Aber ich zögere ordentlich... Wäre mir das an ihrer Stelle recht gewesen? Macht es nicht erstmal alles nur noch schlimmer? (Nicht vor der Tür - klar! Aber hinter der Tür schon. Das JA muss ja nicht bei ihr daheim leben und mit den Gegebenheiten klar kommen.) Und ist die 'Selbstbefreiung' (ggf. mit Hilfe) nicht viel wertvoller?

Bei meiner ersten Frauenärztin war mal ein Schild an einer Wand: "Die Bitten eines Kindes an seine Eltern". Neben viel Wertvollem, war dort vorallem eine Essenz niedergeschrieben: "HILF MIR, ES SELBST ZU TUN!"
Nach diesem (unausgesprochenen) Leitsatz hat mich auch meine erste Therapeutin behandelt. Ich war immer kontrolliert Handelnder und Entscheidender auf meinem eigenen Weg nach meinem eigenen Takt und Tempo. Alles andere wäre wieder dieses übergriffige "jmd. anderes macht das für dich jetzt" gewesen.

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Ich habe L. meine Hand gereicht, als sie in Not war. Eine Hand, die ich mir in ihrem Alter gewünscht hätte, aber nicht hatte! Anfang der Neunziger gab es bei uns in Dresden keinerlei Hilfsangebote für Jugendliche, wie mich. Die steckten, wenn überhaupt, in ganz kleinen Kinderschuhen oder waren noch ungeboren. Und ich hätte auch nicht gewusst, wie und wo ich nach soetwas hätte suchen sollen. Zugang zum Internet hatte ich keinen und im Telefonbuch hätte ich nicht gewusst, was ich nachschlagen soll. Die 'Vertrauenslehererin' an der Schule war für 2000 Schüler zuständig und Schulsozialarbeit gab es noch nicht.

Ich wünsche L., dass sie sich selbst befreien kann und das sie wieder um Hilfe bittet, wenn sie merkt, dass sie alleine gerade nicht weiter kommt.
Meine Tür steht offen und das weiß L. auch...

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