nine - eleven
Für sehr viele Menschen, die damals schon gelebt haben und keine kleinen Kinder mehr waren, teilen die Ereignisse vor 25 Jahren in den USA, in ein DAVOR und ein DANACH. So ziemlich jede(r), weiß noch, wo er/sie damals war, gemacht hat und wie sie/er davon erfahren hat.
Menschen starrten fassungslos auf Bildschirme in Kneipen und Bahnhöfen oder lauschten mit offenen Mündern den Nachrichten in den Radios.
Ich war damals neben meiner Tätigkeit als Hörakustikerin im ersten Ausbildungsjahr zur Augenoptikerin. Als das Radio in der Werkstatt für Nachrichten das Musikprogramm mittendrin unterbrach, feilte ich gerade die Ränder einer orangenen Formscheibe aus Kunststoff glatt. >Ein kleines Sportflugzeug sei bei einem Unfall in den Nordturm des WTC in NYC gekracht< hieß es... 'Niemals', war mein allererster Gedanke, 'war DAS kein Unfall! Niemand fliegt sehenden Auges aus Versehen ins WTC!'
Dennoch habe ich diese Nachricht im ersten Moment nicht von solcher Tragweite eingeschätzt, die sie bald noch erhalten sollte. Als etwa 20 Minuten erneut außerplanmäßig Nachrichten gesendet wurden, sollte sich meine Wahrnehmung rasch ändern. Eine zweite - viel größere Maschine - war nun in den Südturm gekracht. Auch bei dem Flieger im Nordturm war nun plötzlich von einer Passagiermaschine die Rede.
Ab da gab es keine Nachichtenfitzelchen mehr im Musikprogramm, sondern nur noch unpassende Musikfetzen in den Nachrichten...
Mein Arbeitstag ging bis 18 Uhr an diesem Tag, so dass ich gegen halb sieben daheim eintraf. Mein heutiger Mann (damals Freund) lag auf der Couch nach seiner Weißheitszahn-OP und verfolgte seit dem Nachmittag diese unfassbaren Bilder im TV.
Egal welcher Sender, nahezu alle hatten ihr 'Normalprogramm' zugunsten von Sondersendungen reduziert oder gar ganz eingestellt. Es war schier nahezu unmöglich, NICHT hinzuschauen. Schließlich war nicht nur das WTC getroffen, sondern auch das Pentagon. Bei der vierten Maschine, welche auf ein Feld in Pennsylvania krachte, kennt man das Ziel bis heute nicht. Vermutlich das Weiße Haus oder das Capitol.
Nun am Abend hatte ich nicht nur Angst. Mittlerweile hatte ich heißglühende Panik um die Frage, wie es nun weiter gehen werde. Wie wird die USA reagieren? Wer sind die Täter und Drahtzieher dieser Anschläge? Werden Sie Unschuldige angreifen, um ein Exempel zu statuieren? ... Und am Schluß stand für mich einfach nur die Frage:
Bricht nun der dritte Weltkrieg aus?!?
Ich bin nicht nur in der DDR hinter dem eisernen Vorhang aufgewachsen. Es war auch die Zeit des Kalten Krieges und des atomaren Wettrüstens. Irgendwie ging diese Angst immer etwas mit. Letztlich hatte sich im Frühjahr 1986 ja auch gezeigt, dass es für atomare Bedrohung und Belastungen durch Strahlung nur einen "Unfall" braucht - nicht einmal einen Krieg. Auch in der Schule wurde punktuell immer wieder die Angst geschürt, was passieren würde, wenn einer der 'Beiden' - USA oder die Sowjetunion - auf den 'berühmten roten Knopf' drücken würde...
Ich weiß noch, dass ich an diesem Abend Alkohol trank, um der Schärfe dieser Angst irgendwie die Spitze zu kappen. Nur klappte das nicht ansatzweise! Aus heutiger Sicht würde ich sagen, ich habe mich danach seltsam schockiert benommen. (Frühe Boten der PTBS, die 15 Jahre später diagnostiziert werden sollte.) Mein Nervensystem bestand gefühlt nur noch aus Amygdala! Mein Mann konnte damals schon gut 'ausblenden' und sagte nichts weiter dazu, als: '...dass es SO SCHLIMM schon nicht kommen werde!'. Damit sollte er ja auch recht behalten.
Trotzdem hatte der 11.September 2001 weitreichende Folgen für die Weltpolitik. Vorallem das Verhältnis der 'westlichen Welt' zur 'islamischen Welt' wurde grundlegend von den Füßen auf den Kopf gestellt, in deren Folge in jahrzehntelangen Kriegen & Auseinandersetzungen abertausende Menschen auf beiden Seiten ihr Leben verloren. Dort sind jene Leiden von Angehörigen und Überlebenden noch nicht mitgedacht, welche vorallem in Nahost unter oft menschenunwürdigen Bedingungen eher 'hausen' als 'leben'.
Die Welt war nach diesem Tag nicht mehr dieselbe...
Ende der Neunziger durfte ich die Landung auf Fuerteventura im Cockpit auf dem dritten Notsitz miterleben! Heute undenkbar...
Mitnahmemengen von Flüssigkeiten und spitzen Gegenständen im Handgepäck, sind da noch die kleinlichsten Auswirkungen, die uns bis heute auf Flugreisen begleiten.
Das Sicherheitsgefühl sehr vieler Menschen hat sich seither ganz grundlegend verändert. Am meisten wohl in der amerikanischen Bevölkerung! Bis dato haftete ihnen sicherlich ein gewisser Nimbus der 'Unbesiegbarkeit' an. Der existiert seither nicht mehr. Sie sind misstrauischer geworden - zuteilen extremistisch. Sicherlich nicht nur, aber auch aus diesem Trauma von 2001 speisen sich letzendlich die Wählerstimmen, welche D. Trump zu zweifacher Präsidentschaft verhalfen.
---
Ich habe mir diesen Tag ganz bewusst noch einmal angeschaut. Habe mir gestern die sehr gut gemachte Doku dazu in der ARD-Mediathek angesehen. Die Ängste sind in den letzten 25 Jahren nicht weniger geworden; sie sind nur nicht mehr so 'spitz', eher flächiger verteilt. Aber ich nehme sie noch immer wahr! Daher war es mir wichtig, sie noch einmal neu zu ordnen und möglichst gut zu verstauen. Was gut sortiert weggeräumt wurde, macht weniger Angst, als unsortiert, chaotisch-weggestopftes!
Mehr kann ich da wohl nicht tun.
🕯