Geborgenheit & Sicherheit

Ein beliebter Impuls von TherapeutInnen ist, man möge sich doch bitte an einen Moment zurück erinnern, in dem man sich vollkommen sicher und geborgen gefühlt habe. Weitere Anleitungen dazu lauten häufig, man möge sich erinnern, was man gesehen, gefühlt, gerochen habe, um sich wieder ganz in diese Situation von damals hinein zu fühlen...

Bei mir ist das meistens ein Moment, in dem mir mein Hirn erstmal nur eine schöne, weiße Fläche präsentiert. Also - ein riesengroßes NICHTS. Keine Erinnerung. Ich scrolle die Vergangenheit durch und finde nichts, was ich dort einordnen möchte und kann.
Nach einer geraumen Zeit kommt dann doch etwas:

Wir sind im Winterhalbjahr 1989/90 und ich bin in der 7. Klasse. Die Umstrukturierung der Schullandschaft hat bislang kaum begonnen. Bis auf den Wegfall des Stabi-Unterrichtes und des Samstag-Unterrichtes hat sich noch nichts geändert. Somit haben wir noch immer die drei Fächer Produktive Arbeit (PA), Einführung in die sozialistische Produktion (ESP) und Technisches Zeichnen (TZ).
Es ist Frühstückspause. Wir 'Nachwuchsarbeiter' verlassen unseren Werkstattraum, holen unser Frühstück und gehen in die kleine, langgestreckte Kantine, welche wir uns im Reichsbahnausbesserungswerk mit den Mitarbeitern teilen. Draußen ist ein nasskalter Tag - einer von denen, wo es nicht richtig hell wird. In der Kantine ist es molligwarm. Puddinggelbes Licht streicht über die weißen Resopaltische. Im Hintergrund läuft leise das Radio. Ein paar Männer unterhalten sich leise. Es duftet nach frischem Bohnenkaffee, nach Wiener Würstchen und Bautzner Senf. Wir setzen uns an die langgestreckte Tischreihe an der Wand entlang. Bevor sich einige von uns eine Dose Cola kaufen oder ein Paar Wiener mit Brötchen, mahnt unser PA-Lehrer nochmal zur Disziplin! Heute klappt es gut. Alle sind wohl noch etwas müde und tranig. Jeder hängt beim Frühstück seinen eigenen Gedanken nach. Nur wenige Worte werden gewechselt. Draußen zaust es und der Wind treibt immer wieder Sprühregen an die Fenster. Beim Kauen schaue ich zu, wie sich das Wasser an der Scheibe zu Tropfen sammelt und hinunterrinnt. Ich spüre die wohlige Entspannung in meinen Gliedern. Sogar meine kalten Füße werden wieder warm. Meine Gedanken wandern immer wieder zwischen der alten Welt und der sich entwickelnden, neuen Welt hin und her. Wären da nicht die paar westlichen Getränkedosen auf unseren Tischen, könnte man meinen, die Zeit wäre vor ein paar Monaten stehen geblieben. Nichts weiter weißt auf die grundlegenden Umwälzungen hin, welche sich erst vor wenigen Wochen ereignet haben. Als sich unsere Pause dem Ende zuneigt, sitzen wir noch ein wenig schweigend da; trinken aus; geniessen einfach die Ruhe und die Wärme. Ich könnte hier ewig so sitzen bleiben - ruhig, sicher, warm, - Musikfetzen im Ohr und Kaffeeduft in der Nase. Die Männer am Tisch weiter vorne sind vor ein paar Minuten wieder an ihre Arbeit gegangen. Auch unser Lehrer mahnt uns nun zum Aufbruch! Beim Aufräumen der Frühstücksreste lernen wir nun doch noch einen Vertreter der eben angebrochenen Epoche kennen. Ein paar findige Kollegen haben bereits eine Dosenpresse gebaut. Die Getränkedose wird in eine massive Halterung gestellt und mit einem Metallhebel ohne großen Kraftaufwand zu einer handlichen Aluscheibe zusammen gepresst! Rohstoffe werden nicht weggeworfen, sondern gesammelt.(Dosenpfand gab es damals noch lange nicht.) 

...an diese Frühstückspause mit ihrem besonderen Duft und der molligen Wärme, sowie dem gemütlichen Licht denke ich gerne zurück. Dabei hatte der Raum, in dem sich die Kantine befand, keinerlei Charme oder Gemütlichkeit im heutigen Sinne. Seine Anziehung erhielt der Raum vorallem durch "atmosphärische Dinge", deren Wirkkraft so mächtig war, dass selbst die Zeit keine Eile zu haben schien.

Aber Moment...?! - Eine kleine, postsozialistische Werkskantine, deren Wände noch die Luft längst vergangener Jahrzehnte ausatmen ist ein sicherer Raum...? Eine Gesellschaft, von ein paar MitschülerInnen und ein paar fremden Männern in Arbeitsklamotten, die nach Metall und Maschinenöl riechen, kredenzt Geborgenheit...?
Oder sind es vielmehr die "fehlenden Zutaten" in anderen Lebenssituationen, welche zu Hause, in der Familie oder anderswo eine solche Atmosphäre gar nicht erst entstehen lassen können?!!
Die Erkenntnis überrascht mich zuerst, fügt sich dann aber leider nahtlos in mein Leben ein.


Beliebte Posts aus diesem Blog

Arbeit mit EMDR (4-Felder-Technik)

Die Baumübung

Lieber K.