Für meinen Lehrer

Hallo lieber Herr H.,

leider habe ich es damals verpasst, Ihnen zu sagen, was für eine coole Socke sie doch damals waren!
In einem Schülerleben begegnen einem ja so etliche Lehrerpersönlichkeiten - fiese, nette, unsichere, nachsichtige, strenge, humorlose, legere und was noch so alles. Aber die allerwenigsten sind so coole Socken, wie Sie!
Keine Ahnung, wie alt Sie damals waren...?! Wenn ich heute raten müsste, würde ich sagen: Frisch von der Uni! Nachdem unsere alte Klassenlehrerin nach der Dritten in den Ruhestand gegangen war, standen Sie nach den Sommerferien in der Vierten als Überraschung vor uns. Oder besser - Sie saßen. Halb auf dem Lehrertisch ganz vorn. Ein Bein baumelte leicht in der Luft, das andere hatte Bodenkontakt. So wurden auch die kommenden zwei Schuljahre mit Ihnen. Egal ob Mathe, Deutsch, Sport oder gar auf Klassenfahrt - wir hatten immer sehr viel zu Lachen mit Ihnen.
Sie haben uns ernst genommen, sie haben uns gelobt... Sie haben Kleines groß gemacht und zu Großes klein. Sie haben die Schüler am Jahresendde ausgezeichnet, die sich am meisten verbessert haben und nicht jene, die mit lauter Einsern sowieso beim Fahnenappell voll des Lobes immer vorne stehen. (Das habe ich schon damals als wohltuende Gerechtigkeit empfunden - ich habe mich sehr für diese Schüler mitgefreut!)
Sie haben uns beim Sportunterricht angefeuert und Mut gemacht - die Mädchen hatten keine Angst mehr vorm Bockspringen und die Jungs haben sich nicht um die rhythmische Gymnastik gedrückt. Es gab auch mal besondere Sportstunden, in denen wir uns was wünschen durften - Ringkampf zB.

Selbst wenn Sie mal von uns enttäuscht waren, haben Sie noch (unfreiwillig!) für Lacher gesorgt: "Das Diktat, Leute... dass war richtig mies. Dabei hatten wir doch vorher Schwachstellen besprochen und alles mehrfach geübt. Dabei konntet ihr..." Der Stapel Diktathefte in ihren Händen, halb sitzend auf dem Lehrertisch. Ein Bein pendelnd in der Luft, das andere locker am Boden aufgestellt... - machte der Lehrertisch dieses mal immer weitgreifendere Bewegungen ihres Beines mit bis ***** Sie mit dem Tisch zusammen gekracht sind, die Hefte quer durchs Klassenzimmer schlitterten und lautes Lachen nach dem Schreck und der Stille sich Bahn brach!!! Ihnen war nichts passiert. Der Tisch wurde später vom Hausmeister verarztet.

Sie haben uns immer zugehört und auch auf die Zwischentöne geachtet. Einmal waren meine Freundin und ich noch im Klassenzimmer mit Ihnen. Der zurückgegebene Test war nicht so toll ausgefallen. Wir hatten beide eine 3. "Aber eine 3 ist doch keine schlechte Note!", meinten Sie zu uns Mädchen. "Oh, doch!", protestierten wir. Da gab es zu Hause schon was zu hören, wenn wir einen Dreier mit heim brachten. Je nach dem, wie die Stimmung war, setzte es manchmal auch was! - Womit wir niemals gerechnet hatten: Sie sprachen mit unseren Eltern! Sie haben sich für uns eingesetzt - für uns und unsere schulischen Leistungen Partei ergriffen. ♡  Danke!!!
Unterm Strich hat es dennoch nicht das erbracht, was wir uns gewünscht hätten - die Drei blieb eine schlechte Zensur und wurde auch weiterhin so betrachtet. 
Meine Mutter sprach mit mir: Ich solle mir nicht so einen Unsinn audenken und es dann auch noch in der Schule herum erzählen! 
Ich habe gelernt: Auch wenn ich von Ihrer Hilfestellung sehr berührt war, hole ich mir besser keine Hilfe mehr. Es kommt keine Verbesserung dabei heraus, sondern ein Infragestellen meiner eigenen Wahrnehmung.

Ja, vierte und fünfte Klasse - das war noch tiefste DDR Mitte der 80-er Jahre. Sie waren natürlich nicht nur unser Klassenlehrer, sondern auch unser Pionierleiter. Verpflichtend waren daher auch die Pionierstunden am Nachmittag nach dem Unterricht. Treffen mit der Patenbrigade, Altstoffe sammeln, Wandzeitung gestalten... Aber wer hatte da schon groß Lust dazu?!? Manchmal hatten Sie eine "Überraschung im Ärmel". Nie werde ich vergessen, wie Sie uns einmal in das kleine Kino am Hbf eingeladen haben! Immer, wenn ich heute mal an diesem Anbau vorbei komme, muss ich an diesen Nachmittag denken.

Nun, nach diesen 2 Jahren stand leider in der Sechsten wieder jemand Neues vor uns. Dieses Mal wieder eine Frau, welche aber nicht halb so entspannt und lustig war, wie Sie. Es zählte wieder, wer der Allerbeste ist und sozialistische Disziplin! Pioniernachmittage fanden wieder im Klassenzimmer statt und gelacht wurde eher in der Pause.

Ich habe mich immer mal wieder gefragt, was wohl aus Ihnen geworden ist: Wo hat es Sie damals hin verschlagen? Geht es Ihnen gut? Sind Sie gesund? Was machen Sie heute? Sind Sie noch Lehrer oder haben Sie eine andere Richtung gewählt? Sind Sie schon im Ruhestand oder doch erst kurz vor der Rente? ...
Ich kann mir Sie gar nicht in "alt" vorstellen. Für mich sind sie immer noch in den Zwanzigern, frisch und voller Humor und Lebensmut! Ich hoffe, das Leben hat es immer gut mit Ihnen gemeint. Sie haben es jedenfalls sehr verdient! Danke, dass Sie unser Lehrer waren.
Man sagt ja, man trifft sich immer zweimal im Leben! - Ich hätte nicht dagegen einzuwenden.  ;-)  Alles Gute für Sie! 

Für U.H.

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